Pferdezucht: Gesunde Knochen von Anfang an

Die Pferdezucht ist ein faszinierendes, aber oft auch herausforderndes Unterfangen, das von den Züchtern mit viel Herzblut betrieben wird. Züchter und Käufer investieren viel Zeit, Geld und Leidenschaft in die Auswahl und Aufzucht von Pferden. Dennoch kann es vorkommen, dass bereits bei sehr jungen Pferden ernst zu nehmende Veränderungen am Bewegungsapparat festzustellen sind. DQHA-Zuchtobfrau Christine Petersen erläutert im folgenden Beitrag, wie sich diese äußern.

Trotz aller Sorgfalt und Vorarbeit bei der Anpaarung und optimalem Verlauf der Aufzucht und des Trainings kommt es immer wieder bei den röntgenologischen Ankaufsuntersuchungen zu unliebsamen Überraschungen: Das betreffende Pferd hat raue Stellen, Verschattungen bis hin zu Knochen- oder Knorpelfragmenten, sogenannte Chips, die sich eindeutig dort befinden, wo sie nicht hingehören oder frei in der Gelenkhöhle liegen: Das Pferd hat offensichtlich eine Osteochondrose durchlaufen.

OC/Osteochondrose und OCD/Osteochondrosis dissecans – was ist das?

Osteochondrose (OC) ist eine Entwicklungsstörung, die sowohl den Knorpel als auch den Knochen betrifft. Diese Störung kann oft symptomlos verlaufen oder es sind nur leichte Veränderungen zu erkennen.

Es handelt sich um eine Erkrankung des Skeletts bei wachsenden Pferden, die in manchen Fällen genetisch bedingt ist, in anderen entwicklungsbedingt, wobei Haltung und Aufzucht eine nicht unerhebliche Rolle spielen.

Osteochondrosis dissecans (OCD) stellt eine spezifische, fortgeschrittene Form der Osteochondrose dar. Bei OCD kommt es aufgrund des gestörten Knorpelwachstums dazu, dass sich kleine Knorpelschuppen lösen. In schwerwiegenden Fällen können ganze Knorpel- und Knochenfragmente, auch als „Gelenkmäuse“ bezeichnet, vom Gelenk abgelöst, verkalkt und frei in der Gelenkhöhle bewegt werden.

Was sind nun die Ursachen für eine OCD, also die gefürchteten Chips? 

In verschiedenen Studien und Untersuchungen haben sich mehrere Ursachen herauskristallisiert.

Eine genetische Disposition: In den Niederlanden wurde hierzu eine Studie durchgeführt, mit dem Ergebnis, dass die genetische Disposition zirka 30 Prozent ausmacht.

Die Ernährung: Eine übermäßige Ernährung der Stute sorgt schon im Mutterleib dafür, dass OCD beim Fohlen begünstigt wird. Durch die zu hohe Energiezufuhr kommt es zu Stoffwechselstörungen und damit zur unzureichenden Versorgung des Knorpel- und Knochengewebes. Bei der Fütterung ist es nicht nur die Energiezufuhr allein. Auch viel Zucker und Stärke sind oft problematisch. So hemmt ein erhöhter Insulinspiegel die Mineralisierung der Knochen und der Knorpel bleibt weicher und damit instabiler.

Haltung und Bewegung: Boxenhaltung mit reduziertem Auslauf und/oder Fohlengeburten in den ersten drei Monaten des Jahres spielen eine nicht zu unterschätzende Rolle. So ist eine regelmäßige Bewegung, die für eine optimale Entwicklung des Fohlens wichtig ist, häufig nicht gewährleistet.

Regelmäßige Bewegung auf nicht zu hartem Boden, aber auch nicht in tiefem Sand und für heranwachsende Jungpferde am besten langfristiger regelmäßiger Weidegang auf wechselnden Böden mit artgerechten Bewegungsmöglichkeiten sind das A & O einer gesunden Aufzucht.

Wachstum: Pferde mit schnellem und ausgeprägtem Wachstum, mit unregelmäßigem Wachstum, mit Fehlstellungen und ungünstigen Gebäudeverhältnissen, mit höherem Gewicht, wodurch u. U. Knorpel und Knochenstrukturen höherer Belastung ausgesetzt sind, können ein erhöhtes Risiko haben, eine OC/OCD zu entwickeln.

Hat das Alter der Mutterstute Einfluss auf das Auftreten der Erkrankung?

Das Alter der Mutterstute scheint irrelevant, solange sie nicht mangelernährt oder übergewichtig ist und keine Stoffwechselprobleme zeigt und sich in einem guten Allgemeinzustand mit artgerechter Haltung befindet. Stuten, die nicht ausreichend gefüttert werden und wo auf die richtige Mineralisierung der Ration nicht geachtet wird, mindern die Chancen auf ein gesundes Fohlen. Sie sollten sich in guter Zuchtkondition befinden, da die Entwicklung des Fohlens im Vordergrund steht und tatsächlich die Fohlen gelegentlich schon im Mutterleib erkranken. 

Gibt es bestimmte Linien in der AQH-Zucht, die betroffen sind oder stärker betroffen sind?

Aufgrund der bisher durchgeführten Studien, die zwar alle nicht im AQH-Bereich durchgeführt worden sind, kann man sicher bei einigen Linien von einer erblichen Disposition ausgehen, ähnlich wie bei den in den Niederlanden durchgeführten Studien an Springpferden.

Woran kann ich erkennen, dass mein Pferd einen Chip hat? 

Sind z. B. Gelenksgallen ein Hinweis darauf?

Chips lassen sich von außen ohne röntgenologische Untersuchungen nicht feststellen, allerdings lassen bestimmte Anzeichen die Vermutung zu, dass ein Chip vorliegen könnte. Hierzu gehören Schwellungen, Ödeme, Gallen; Lahmheiten, die sich nicht durchgängig zeigen, aber auch längerfristige geringgradige Lahmheiten und Schmerzen.

Sind AQHs tendenziell stärker davon betroffen als Warmblüter?

Die gewonnenen Erkenntnisse stützen sich auf Studien, die an Warmblütern, Trabern und Vollblütern durchgeführt wurden. In der Literatur werden American Quarter Horses ebenfalls als betroffene Rasse genannt. Dies leuchtet ein, wenn man z. B. die Halterpferde betrachtet, die relativ frohwüchsig sind, aufgrund ihrer Daseinsberechtigung immer übermäßig gefüttert werden und dadurch viel Gewicht auf schwache Fundamente bringen.

Welche Faktoren begünstigen die Chipbildung?

Der verantwortungsvolle Züchter sollte sich und seine Zuchttiere sorgfältig überprüfen. Wünschenswert wäre es, wenn Mutterstute wie Zuchthengst röntgenologisch auf Chips überprüft werden. Ist das nicht möglich, sollte man beide Zuchttiere persönlich in Augenschein nehmen und sich von der Gesundheit beider überzeugen. Abgelegte Leistungsprüfungen geben auch Hinweise auf die Leistungsfähigkeit und Gesundheit der Zuchttiere.

Während der Trächtigkeit ist auf eine ausgewogene Energie- und Mineralstoffzufuhr zu achten. Die Mutterstute sollte sich die meiste Zeit unter ihresgleichen auf der Weide aufhalten können. Auch wenn das Fohlen geboren ist, muss auf ausreichend Bewegungsmöglichkeiten für Stute und Fohlen geachtet werden. Fütterung und Mineralisierung sollten sorgfältig auf die Bedürfnisse abgestimmt werden und eher sollte zu knapp gefüttert werden als zu viel – hier gilt: Weniger ist mehr. 

Das Absetzen des Fohlens stellt einen einschneidenden Abschnitt in seiner Entwicklung dar, zumal Chips in der Regel im Alter von zirka sechs Monaten entstehen. Im Hinblick auf die Entwicklung von Chips sollte das Absetzen besser später als üblich (ab zirka acht Monaten) erfolgen und dann schrittweise ohne wesentliche Änderungen in der Fütterung des Fohlens. 

Bei der Bewegung des Fohlens ist darauf zu achten, dass extreme Belastungen bestimmter Gelenke vermieden werden bzw. vor stärkeren Belastungen das Fohlen Gelegenheit hat, sich durch gemäßigte Bewegung aufzuwärmen und so mögliche Defekten vorgebeugt wird. 

Woran erkenne ich, ob mein Fohlen Osteochondrose hat?

Wenn man sein Fohlen auf der Weide gesund herumtollen sieht, zieht man diese Erkrankung gar nicht in Betracht. Plötzlich stellt man bei genauem Hinsehen fest, dass es nicht ganz klar läuft, aber es gibt äußerlich keinen Anhaltspunkt für eine Verletzung. 

Betroffene Fohlen liegen häufig viel und abseits der Herde, beim Aufstehen „hakt“ es – mancher Züchter tut dies als „Wachstumsschmerzen“ ab, was prinzipiell ja auch vorkommt und kein Problem darstellt, andererseits ist dann eine röntgenologische Überprüfung angesagt.

Text: Christine Petersen