Wenn es nicht will, dann kann es nicht

Das Pferd verstehen

Es sind Szenen, die wir alle bereits erlebt haben und die doch so gar nicht mit unserem Bild vom Westernreiten, von der Zusammenarbeit von Pferdefreund und Pferd übereinstimmen: Das Pferd macht einen Fehler, arbeitet nicht wie gewünscht mit, bleibt hinter den Erwartungen des Menschen – und der Reiter reagiert aufgebracht, aggressiv, bestrafend. „Der kann schon, der will bloß nicht!“ erklärt und begründet der frustrierte Mensch im Sattel seine (Über-)Reaktion. Es stellen sich zwei Fragen: Stimmt dies? Und wenn dem so wäre, rechtfertigt dies auch das grobe Eingreifen des Menschen?

Wie kommt ein Pferdefreund zu der Annahme „Der kann schon, der will bloß nicht!“? Auch ohne eine Bewertung, ob diese Unterstellung richtig oder falsch ist, lässt sich der Weg von der Situation zu ihrer Einschätzung so darstellen:

• Das Pferd zeigt in einer Trainings- oder Showsituation eine Leistung, die hinter den Erwartungen des Reiters bleibt,

• der Reiter bewertet die gezeigte Leistung als problemhaft, als negativ und

• sieht den Grund in einer bewussten Entscheidung seines Pferdes, eine grundsätzlich mögliche Leistung nicht zu erbringen.

Leistungsverweigerer Pferd?

Sieht man die Ereigniskette einmal so aufgedröselt, bekommt man schon den Eindruck einer gewissen Absurdität… „Ich könnte schon, aber ich will einfach nicht!“ als informierte Willensbekundung unseres Pferdes, eines Tieres, das bekanntlich gerne mal vor dem eigenen Schatten, vor einem Knacken im Gebüsch erschrickt und sich „entschließt“, sein Heil in der Flucht auf eine viel befahrene Autobahn zu suchen? Also eines Tieres, das wir – bei aller Liebe – nicht unbedingt mit spektakulären intellektuellen Leistungen in Verbindung bringen würden? Da darf man gerne mal fragend die Augenbrauen hochziehen… Doch warum kommt es zu dieser Annahme, und ist sie tatsächlich unbegründet oder ist da etwas dran?

Es braucht drei Voraussetzungen, um hier von A nach B zu gelangen:

1. Die Erwartung des Reiters,

2. die Bewertung der gezeigten Leistung und

3. die Annahme über die Ursache.

An allen drei Knackpunkten darf und muss kritisch hinterfragt werden. 

Erwartung, Bewertung, Annahme

Viele Reiter gehen – völlig zu Recht – davon aus, nicht alleine der Trainingszustand, sondern auch die Beziehung zwischen Reiter und Pferd entscheide über den Erfolg, wie auch immer man ihn definieren mag. Oft wird aber unbewusst vorausgesetzt, Pferde müssten sich etwa aus Dankbarkeit besonders für uns anstrengen; manchmal geht man auch davon aus, eine einmal gezeigte Leistung sei nun für alle Zeiten „abrufbar“ (ein Begriff, den man häufig hört und der eigentlich völlig daneben liegt) oder der „Erfolg“ ergäbe sich zwingend aus den vom Reiter eingebrachten Ressourcen, also etwa Zeit, Geld – oder Nerven. 

So oder so – verborgen unter dieser Erwartungshaltung liegt die Forderung des Reiters an sein Pferd, es habe zu funktionieren und dies oft, weil der Reiter seinen Teil ja getan habe. 

Diese Erwartung speist sich also aus unrealistischen Vorstellungen etwa im Hinblick auf Dankbarkeit – ohne sich beispielsweise zu fragen, ob Pferde überhaupt Dankbarkeit empfinden können oder ob sie um unseren Einsatz wissen. Weiß der weltbeste Quarter wirklich, wer die Rechnungen bezahlt, den tollen Stall auswählt, nachts aus Sorge um sein krankes Pferd wachliegt? Eher nicht, und doch wird dies unterschwellig oft angenommen und füttert überzogene Erwartungen. Und schon übernehmen ungute Emotionen das Ruder, wenn diese nicht erfüllt werden… Kränkung, verletzter Stolz, Enttäuschung führen zu Frust und oft genug zu Wut.

Ein Fehler, ein Defizit, ein Rückschritt ist zunächst einmal nur, was es ist – bis der Mensch etwas hineininterpretiert und dabei oft von Beginn an eine bestimmte Richtung einschlägt. So wird die Situation nicht nur negativ bewertet – was überhaupt nicht nötig und auch nicht zielführend ist – sondern oft auch als Ausdruck einer absichtsvollen Abwertung der eigenen Person durch das Pferd interpretiert: Der will mich für dumm verkaufen, der mag mich nicht und dergleichen mehr. Das setzt aber voraus, dass unser Pferd tatsächlich so fühlt, wirklich eine solch ablehnende, abwertende Haltung uns gegenüber hat (und wenn dem so wäre, wer stünde dann wohl in der Verantwortung…?) und vor allem, dass es seine Leistungsverweigerung bewusst, vorsätzlich dazu einsetzt, uns schaden, es uns heimzahlen oder gar uns bloßstellen zu wollen. Dazu müsste es allerdings in der Lage sein, zwei „Zukünfte“ parallel in seiner Vorstellung zu halten (eine mit und eine ohne Erfüllung der reiterlichen Erwartung), müsste unsere Erwartungen in Grad und Inhalt genau kennen und wissen, wie wir auf die Verweigerungshaltung reagieren, nämlich emotional gekränkt, verletzt. Es müsste so tun, als ob – also so tun, als könne es nicht, obwohl es könnte. Echt jetzt?

Abgesehen davon, wie wenig eine solche Unterstellung eine wirklich respektvolle und fürsorgliche Haltung des Reiters zu seinem Pferd widerspiegelt, setzt sie auch eine hoch anzusiedelnde intellektuelle Leistung voraus. „So tun als ob“ ist im Tierreich, wenn es nicht eine angeborene, quasi automatische Verhaltensweise ist, nur wenig und nur unter sehr hoch entwickelten Tieren verbreitet. Unsere American Quarter Horses, so toll sie auch sind, fallen eher nicht in diese Kategorie…

Können und Wollen unter der Lupe

Es mag jeder für sich entscheiden, ob Pferden…

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Text & Foto: Angelika Schmelzer