Wissen erleben – Biomechanik verstehen

DQHA Horsemanship Camp bei Döring Quarter Horses

Wer Pferde besser verstehen möchte, sollte ihre Biomechanik kennen – genau darum drehte sich der Workshop beim Horsemanship Camp.

Am ersten Tag des diesjährigen Horsemanship Camps, das vom 20. bis 25. Juli bei Döring Quarter Horses stattfand, erwartete die Teilnehmer ein Workshop mit DQHA-Zuchtrichterin Nina Obermüller. In diesem praxisnahen Workshop wurden die Grundlagen der Linearen Beschreibung vermittelt und welche Bedeutung Anatomie und Biomechanik für Ausbildung, Training und Zucht eines Pferdes besitzen.

Im Mittelpunkt stand das Verständnis für den Körperbau und die funktionellen Zusammenhänge, die Bewegungsqualität, Balance und Leistungsfähigkeit beeinflussen. Die Lineare Beschreibung der DQHA ist ein modernes, objektives System zur detaillierten Erfassung von Exterieur-Merkmalen. Sie liefert Züchtern wertvolle Informationen für die Zuchtplanung und hilft zugleich Reitern und Trainern, die individuellen Stärken und Entwicklungsmöglichkeiten eines Pferdes besser zu erkennen und gezielt zu fördern.

Theorie in die Praxis verbracht
Den Auftakt des Workshops bildete ein anschaulicher Anatomie-Teil an zwei sehr unterschiedlichen Pferden – einem American Quarter Horse und einem Haflinger. Direkt am Pferd erläuterte Nina Obermüller die wesentlichen anatomischen Merkmale und deren Einfluss auf die Biomechanik. Mithilfe von Kreide wurden Knochenverläufe, Gelenkpunkte sowie wichtige Hebelstrukturen auf den Pferden markiert. Durch diese Visualisierung konnten die Teilnehmer die theoretischen Inhalte unmittelbar nachvollziehen und erkennen, wie Exterieur und Funktion miteinander verbunden sind.
Der direkte Vergleich der beiden Pferde machte deutlich, dass zwar alle Pferde denselben anatomischen Grundaufbau besitzen, sich jedoch Proportionen, Winkelungen und Gebäude je nach Rasse und Zuchtziel deutlich unterscheiden. Diese Unterschiede wirken sich unmittelbar auf Bewegungsabläufe, Balance, Tragkraft und die spätere Nutzung eines Pferdes aus. Dabei wurde klar, dass es nicht um ein „besser“ oder „schlechter“ geht, sondern darum, die individuellen Voraussetzungen eines Pferdes zu verstehen und bei Ausbildung und Training sinnvoll zu berücksichtigen.

Bewegungsabläufe verstehen – Training optimieren
Im zweiten Teil des Workshops verlagerte sich der Fokus von der Anatomie auf die Bewegung. Mehrere Pferde wurden an der Longe vorgestellt, sodass die Teilnehmer die zuvor erläuterten Zusammenhänge nun in der Praxis beobachten konnten. Anhand der verschiedenen Bewegungsabläufe erklärte Obermüller anschaulich, wie Balance, Schubentwicklung, Lastaufnahme und Körperhaltung miteinander zusammenhängen und welche Auswirkungen der Körperbau auf die natürliche Bewegung eines Pferdes hat.

Besonders eindrucksvoll war dabei zu beobachten, wie bereits kleine, gezielte Trainingsimpulse die Bewegungsqualität positiv beeinflussen konnten. Mit wenigen Korrekturen verbesserten sich Balance und Bewegungsablauf sichtbar, wodurch die Teilnehmer unmittelbar erlebten, wie korrektes Training und Biomechanik miteinander verknüpft sind. So wurde deutlich, dass eine pferdegerechte Ausbildung immer auf den individuellen körperlichen Voraussetzungen des jeweiligen Pferdes aufbauen sollte.

Lineare Beschreibung geht alle was an!
Mit ihrem verständlichen Vortrag und den anschaulichen Demonstrationen gelang es Nina Obermüller, ein komplexes Thema greifbar und praxisnah zu vermitteln. Der Workshop zeigte eindrucksvoll, wie eng Zucht, Anatomie, Biomechanik und Horsemanship miteinander verbunden sind – und dass die Lineare Beschreibung weit mehr ist als ein Instrument der Zucht. Sie ist zugleich ein wertvolles Werkzeug für Reiter und Trainer, um Pferde entsprechend ihrer natürlichen Anlagen gesund und nachhaltig auszubilden.
Der Programmpunkt fügte sich damit hervorragend in das Konzept der DQHA Horsemanship Camps ein. Neben der praktischen Arbeit mit dem Pferd steht hier bewusst auch die Vermittlung fundierten Fachwissens im Mittelpunkt – denn gutes Horsemanship bedeutet nicht nur feines Reiten, sondern vor allem, den Partner Pferd zu verstehen, seine individuellen Voraussetzungen zu erkennen und ihn entsprechend seiner Möglichkeiten bestmöglich zu fördern.
Der Workshop zeigte eindrucksvoll, wie vielfältig die DQHA ihre Kompetenzen bündelt. Durch die enge Zusammenarbeit der Bereiche Zucht und Sport entstehen Angebote, die beide Perspektiven miteinander verbinden und den Mitgliedern einen echten Mehrwert bieten.

Text: DQHA Zuchtausschuss, Foto: Sebastian Litzkuhn/Nina Obermüller