Gute Seite, schlechte Seite – Lateralität
„Na, gibst Du das gute Händchen?“ – wo Kinder sich mit dem förmlichen Händeschütteln noch schwer tun, besteht oft Unsicherheit darüber, welches denn nun die „richtige“ Hand für diese traditionelle Grußform ist. Für das Händeschütteln gilt: „Richtig“ ist die rechte Hand. Es leitet sich, so wird angenommen, ursprünglich aus einem Winken ab, mit dem einem Gegenüber die freie Waffenhand präsentiert wurde, um die eigenen friedlichen Absichten zu bezeugen. Da die Waffenhand die dominante war und die meisten Menschen Rechtshänder sind, wird rechts die Hand geschüttelt.
Auch bei unseren Pferden besteht eine ausgeprägte Asymmetrie, die sie eine Körperseite bevorzugt einsetzen lässt. Bei ihnen muss dieser angeborenen Asymmetrie – der „natürlichen Schiefe“ – allerdings entgegen gearbeitet werden, so heißt es zumindest. Heute aber wird dieses Phänomen differenzierter betrachtet.
Woher rühren „schlechte“ und„gute“ Seite?
Händigkeit als Ausdruck einer nervalen bzw. motorischen Asymmetrie ist kein rein menschliches Phänomen, sondern so oder so ähnlich auch im Tierreich häufig zu finden. Von Winkerkrabben über Katzen, Delfine, Walrosse bis zu Schimpansen: Nicht nur, aber vor allem bei der Nahrungsaufnahme lässt sich häufig eine einseitige Bevorzugung im Sinne einer Rechts- oder Linkshändigkeit bzw. „-scherigkeit“ oder „–flossigkeit“ beobachten.
Zur Erklärung dieses Phänomens beim Menschen werden unterschiedliche Ansätze bemüht. Man vermutet heute neben einer gesicherten genetischen Grundlage auch Einflüsse von Kultur und Erziehung. Die Händigkeit scheint in einem direkten Zusammenhang mit einer jeweils einer Hirnhälfte zugeordneten Spezialisierung zu stehen.
Bei Pferden wird ebenfalls eine Form von Asymmetrie beobachtet, die man als „natürliche Schiefe“ oder „Lateralität“ bezeichnet. In ihrer einfach zu beobachtenden und erlebenden Ausprägung sieht man etwa, dass sich ein Pferd in der freien Bewegung nicht ganz gerade ausrichtet, sondern mit der Hinterhand leicht nach einer Seite ausweicht. Es mag sich auf gerader Linie bewegen, wird dabei aber nicht spurtreu laufen, also nicht rechtes Vorder- und Hinterbein bzw. linkes Vorder- und Hinterbein auf einer Linie aufsetzen. Oft wird auch ein bestimmter Galopp häufiger gezeigt und wer genau hinsieht stellt fest, dass sich frei bewegende Pferde aus der Ruhe stets entweder rechts oder links zuerst antreten. Auch beim Grasen lässt sich eine gewisse Einseitigkeit beobachten, etwa daran, dass ein Bein bevorzugt vorgestellt wird.
Unter dem Sattel wird die natürliche Schiefe noch deutlicher, vor allem beim Reiten von Wendungen. Auf der einen Hand gelingt es besser, die Längsachse des Pferdes auf die Linie einzustellen, auf der anderen Hand wird die Schulter oder die Hinterhand tendenziell verschoben, das Pferd folgt der gebogenen Linie nicht oder nicht mit derselben Leichtigkeit. Eine Körperseite erscheint konvex, eine konkav, eine lässt sich gut, die andere weniger gut dehnen und damit auch stellen und biegen. Diese Schiefe hat direkte Auswirkungen nicht nur auf den Ausbildungsfortschritt, sondern auf so elementare Aspekte wie Gleichgewicht und Stabilität des Pferdes in der Bewegung.
„Reite Dein Pferd vorwärts und richte es gerade!“
Jede Reitlehre fordert: Damit ein Pferd im Einsatz leistungsfähig und gesund bleibt, muss dieser bekannten Aufforderung des Reitmeisters Gustav Steinbrecht zur Korrektur der natürlichen Schiefe beständig nachgekommen werden. Ohne Behebung der Schiefe ginge ein Teil des von hinten kommenden Bewegungsimpulses am Körper vorbei nach vorne, wäre also nicht unter den Schwerpunkt gerichtet, während ebenso die reiterliche Einwirkung teilweise wirkungslos bleibt. Zudem wirke sich diese Asymmetrie belastend auf den Pferdekörper aus und habe zur Folge, dass es sich muskulär einseitig entwickelt, die Hinterbeine ungleich stark belastet werden, sich die Einseitigkeit unbemerkt auch auf den Reiter auswirkt und diesen „falsch setzt“, was die Problematik verschärfen könne. Es käme dann zur Entwicklung einer angerittenen oder erworbenen Schiefe, die sich ebenfalls auf der körperlichen Ebene manifestiert. Kurz: Die natürliche Schiefe steht nach gängiger Auffassung der Ausbildung und Entwicklung des Pferdes hinderlich entgegen und muss deshalb, auch im Hinblick auf Wohlbefinden und Gesundheit, korrigiert werden.
Aber: Es darf angesichts neuer Forschungserkenntnisse gefragt werden, ob perfekte Symmetrie in jedem Fall überhaupt das anzustrebende Optimum ist. Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen beispielsweise faszinierende Zusammenhänge zwischen der Lateralität des Pferdes auf anatomischer Ebene und seinem Verhalten. Und sie decken weitere Aspekte auf, die eine Optimierung weit über das Training hinaus erforderlich machen können.
Faszinierende Lateralität
Pferde sind nämlich nicht nur in körperlicher Hinsicht, sondern auch auf weiteren Ebenen schief im Sinne von nicht perfekt symmetrisch – und es gibt für diese Lateralität sogar gute Gründe. Zudem steht die morphologische Schiefe nicht alleine, sondern…
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Text & Fotos: Angelika Schmelzer
