Zwischen Tradition & Hightech
Rund um den Westernsattel
Sättel gibt es mittlerweile in einer nie dagewesenen Auswahl. Materialien, Bäume, Typen, Gewicht, Flexibilität, Design und Farbe, Freizeit oder Show – es gibt eigentlich nichts, was es nicht gibt. Umso wichtiger ist es, sich bei einer so anspruchsvollen Investition wie dem Sattel im Vorfeld ausführlich Gedanken darüber zu machen, welche Art Sattel zum einen für das Pferd optimal, zum anderen aber auch für den Reiter passend ist. Und nicht zuletzt spielt ja auch der Geldbeutel eine entscheidende Rolle…
Der Westernsattel hat sich im Laufe der Zeit vom unerlässlichen Arbeitsgerät zu einem hochspezialisierten, individuell anpassbaren Ausrüstungsgegenstand und reiterlichem Statement für Sport und Freizeit entwickelt – mit großer Vielfalt bezüglich Materialien, Baumkonstruktionen und Einsatzbereichen. Je nach Pferd, Reitweise und Einsatzzweck lohnt es sich, genau hinzuschauen, denn nur ein gut passender Sattel trägt entscheidend zu Wohlbefinden, Leistungsfähigkeit und natürlich anhaltender Gesundheit des Pferdes bei.
Herzstück Sattelbaum
Der Sattelbaum gilt als das Herzstück des Westernsattels. Er gibt vor, wie der Sattel auf dem Pferd liegt, wie der Sattel sich in der Bewegung verhält und wie komfortabel er dabei für Pferd und Reiter ist – auch und gerade im Sinne der Gesunderhaltung und Tragfähigkeit des Pferderückens. Während der klassische Holzbaum seine Vorteile in Stabilität und Tradition hat, bieten moderne flexible oder verstellbare Bäume entscheidende Vorteile in Bewegungsfreiheit, Anpassbarkeit und Komfort.
Traditionell wurde und wird der Sattelbaum auch heute noch in vielen Fällen aus (schichtverleimtem) Holz gefertigt und aus mehreren Teilen – Bars, Cantle, Fork und Horn – zusammengesetzt. Auch das Fräsen des kompletten Sattelbaums aus einem schichtverleimten Holzblock wird angeboten.
Der fertige Baum wird meist mit Rawhide (Rinder-Rohhaut), mit der etwas dickeren Bullhide (Rohhaut vom Bullen) oder – in den preiswerteren Varianten – Fiberglasfaser überzogen.
Neben reinen Holzbäumen sind Kombi-Bäume erhältlich. Bei diesen werden meist Fork, Cantle und Horn aus Holz gefertigt, während die Bars und in vielen Fällen auch die Sitzfläche aus hochwertigem – zum Teil flexiblem –Kunststoff bestehen. Diese Sättel bieten eine gewisse Flexibilität in der Bewegung und punkten zudem mit wesentlich geringerem Gewicht als ein reiner Holzbaum.
Um Gewicht zu sparen und gleichzeitig Stabilität, Langlebigkeit und Passform zu gewährleisten, kommen immer häufiger moderne Sattelbäume zum Einsatz, die aus hochwertigstem Kunststoff gefertigt sind und sowohl aufgrund der verwendeten Materialien als auch durch ihren Bau flexibel sind. Zahlreiche Sattelbauer bieten solche Kunststoffbäume an, die Flexibilität an den Bars und damit auch besonders im Schulterbereich versprechen.
Aufgrund der Entwicklung in der modernen Sportreiterei und der damit verbundenen veränderten Athletik des ursprünglichen American Quarter Horse müssen die Sättel heutzutage andere Bedürfnisse erfüllen als bei der Arbeit auf der Ranch. Häufig sind die vierbeinigen Sportler überbaut und so herrscht die Tendenz, dass der Sattel in der Bewegung nach vorne rutscht und dabei höheren Druck auf die Schulter ausübt.
Moderne Westernsättel „machen“ deshalb – z. T. mithilfe von leicht flexiblen Bars im vorderen Bereich – an der Schulter „auf“ und bieten dieser einen größeren Bewegungsradius. Auch die erwünschte maximale Aufwölbung der Wirbelsäule und die damit verbundene starke Rückenmuskulatur gerade in den Reining-Klassen erfordern ein Umdenken im Sattelbau und einen Sattelbaum, der ausreichend Raum nicht nur im Stand, sondern vor allem in der Bewegung gibt.
Verstellbar statt für immer und ewig
Immer ausgereifter werden zudem verstellbare bzw. im Nachhinein veränderbare Sattelbäume mit justierbarer Kammerweite und Winkelung. Hier ist nicht nur eine individuelle Anpassung, sondern auch Korrektur bei Veränderungen des Rückens möglich. Neben Sätteln, die vom Fachmann in der Sattlerwerkstatt auseinandergenommen werden müssen, wo der Baum dann nach neuen Maßen des Pferdes angepasst wird, gibt es sogar Modelle, bei denen dies mittels speziellem „Schraubenschlüssel“ direkt am Pferd möglich ist. Aber Achtung: Wie jeder Sattel muss auch der flexible und/oder verstellbare Sattel IMMER vom Fachmann angepasst bzw. korrigiert werden! Und: Häufig sind nur geringfügige Passformänderungen möglich.
Noch eher seltener vertreten sind baumlose Sättel bzw. Sättel mit Bäumen aus viskoelastischem Schaum oder Leder. Sie stehen zwar häufig in der Kritik in Sachen Stabilität und Druckspitzen, aber auch hier hat sich in den letzten Jahren viel getan. Moderne baumlose Sättel, die ein baumähnliches Innenleben aus Kunststoffschaum bzw. Leder besitzen, bieten eine solide Passform, punkten durch wenig Gewicht und optimale Bewegungsfreiheit und setzen den Reiter nah ans Pferd. Gerade Freizeitreiter schätzen diese Alternativen. Lediglich in den Ranch- und Cowhorseklassen sowie in der Reining und im Cutting, wo auch mal extreme Kräfte auf den Baum einwirken, sind sie den konventionell gebauten Westernsätteln unterlegen.
Alles ist möglich
Die aktuelle Entwicklung im Sattelbau zeichnet sich deshalb mehr und mehr durch eine sinnvolle Kombination aus traditionellen und modernen Materialien aus, je nach Einsatzzweck und Anforderungen an Gewicht, Komfort und Anpassungsfähigkeit. Heute wird sehr viel mehr Wert auf individuelle Passform auf dem Pferderücken gelegt als in den Anfangszeiten des Westernreitens hierzulande.
Natürlich spielt auch der Geldbeutel des Kunden eine nicht zu unterschätzende Rolle, dennoch: Ein guter Besattler wird immer versuchen, dem Pferd einen optimal passenden Sattel bei jedem Budget zu ermöglichen.
Jedes Pferd verdient einen passenden Sattel
Natürlich ist die Anschaffung eines Pferdes oder die Grundausbildung des endlich Dreijährigen kostspielig. Aber an der Passform des Sattels zu sparen ist kurzsichtig und zudem nicht fair dem Pferd gegenüber.
Häufig hört man gerade unter Freizeitreitern die Aussage, es gebe ja über Plattformen für private Kleinanzeigen wunderbar günstige Sättel und da sei sicherlich etwas passendes dabei, man könne ja anhand der Baumgröße, Abstand der Conchas, Breite der Fork etc. ganz gut auf die Passform schließen. Ja, wer ist denn „man“? Der Laie, der sich gerade sein erstes Pferd gekauft hat, der Stallkumpel, der das „immer so macht“, der Verkäufer gar, der behauptet, dass der Sattel dem und dem Pferd wunderbar gepasst hat?
Solch scheinbar günstige Deals funktionieren in den seltensten Fällen zum Wohle des Pferdes. Wenn der Sattel dann doch nicht optimal passt, wird ein Correction-Pad erworben (was, wenn schon in Gebrauch, übrigens auch von erfahrenen Händen entsprechend angepasst werden sollte!). Das berühmte „Passt scho“ stellt sich nicht selten nach ein paar Wochen als Fehleinschätzung heraus, häufig mit fatalen Folgen für den Pferderücken.
Lange Rede, kurzer Sinn: Lediglich wirklich erfahrene Pferdehalter, die ihr Pferd, dessen Rücken und den Sattelmarkt gut kennen, können eventuell abschätzen, ob ein auf solchen Plattformen angebotener Sattel für ihren Vierbeiner infrage kommen könnte. Viele Konjunktive und kein gangbarer Weg, auch wenn das Geld noch so knapp ist! Aber welche Möglichkeiten gibt es sonst noch?
Wenn das Geld knapp ist
Wenn es dann ein gebrauchter Sattel sein muss, kann, darf, wird man bei speziellen Anbietern, die sich auf „gute Gebrauchte“ spezialisiert haben, fündig. Sie kommen mit einer Auswahl an Sätteln zum Stall, wo diese von geschultem Personal auf die Passform am jeweiligen Pferd überprüft werden. Vorteil: Probereiten ist möglich und es sind häufig wirklich hochwertige Sättel im Angebot.
Aber auch ein Neusattel muss kein unerschwinglicher Traum bleiben, denn zum einen bieten viele Sattelbauer Finanzierungsprogramme an, zum anderen lässt sich auch beim Custom Made-Sattel einiges beeinflussen, um den Geldbeutel zu schonen: Wer zugunsten der Passform auf aufwendige Punzierungen, teure Conchas und Extraausstattung in Sachen Steigbügel verzichtet, kann durchaus einige Euros sparen und erhält für seinen geliebten Vierbeiner ein top passendes Modell. Und darauf kommt es ja in erster Linie an!
Text: Friederike Fritz, Foto: Christiane Freitag
