Reiter in Balance, Pferd im Gleichgewicht

Bilden Reiter und Pferd eine Einheit? Ist die gemeinsame Arbeit deutlich von Harmonie geprägt? Entsteht ein Eindruck von Leichtigkeit, von Selbstverständlichkeit? Hinter diesen Fragen spielt eigentlich ein grundlegender, überraschend physikalischer Blickwinkel eine Rolle, eine zunächst rein mechanische Fragestellung: Gelingt es Pferd und Reiter, zusammen wie auch einzeln das Gleichgewicht zu halten? Sind sie in Balance – körperlich und in der Folge auch seelisch? Oder zeigen sich Hinweise darauf, dass ein Partner oder das ganze Team Probleme mit dem physischen wie psychischen Gleichgewicht hat?

Was ist Balance? Zäumen wir ausnahmsweise mal das Pferd von hinten auf und wagen uns gedanklich auf Abwege: Ein LKW oder Kleintransporter, auf der Ladefläche Waren unterschiedlicher Art – spätestens beim ersten Brems- oder Beschleunigungsmanöver wird sich zeigen, ob die Ladung gesichert ist oder nicht. Falls nicht, gerät sie zuerst in eine vom Fahrzeug abgekoppelte Bewegung und bringt dann den LKW ins Schlingern. Auch beim Reiten kennen wir das Gefühl, kurzfristig im Schleudergang unterwegs zu sein – wenn unser Pferd urplötzlich abbremst, einen unvorhergesehenen Haken schlägt, aus dem Stand lossprintet. Was uns oft nicht bewusst ist: Auch sehr kleine Bewegungsimpulse, schon das einfach Vorwärts in Walk, Jog und Lope fordern das reiterliche Gleichgewicht heraus. Der Reiter als „Ladung“ kann nicht auf herkömmliche Weise gesichert werden – diese „Ladung“ muss ganz selbständig alle Bewegungsimpulse des Pferdes geschmeidig mitgehen. Zum Glück haben wir Menschen damit schon Erfahrung: Wir haben gehen gelernt.

Gehen? Balancieren!
Der für uns so alltägliche Vorgang des Gehens besteht eigentlich aus einem fortwährenden Verlust und Wiedererlangen des Gleichgewichts. Dies wird deutlich, wenn wir den Lernprozess betrachten.
Erlernen Kleinkinder den freien Gang, folgt auf wenige tapsige Schritte unweigerlich der Crash. Erst nach und nach wird die überaus komplizierte Abfolge erlernt: „Hey, Körper! Mach mal einen Schritt – am besten mit dem rechten Bein!“ steht am Anfang. Kurz darauf erste Rückmeldungen des propriozeptiven Systems: „Hör mal, Du weißt schon, dass wir gerade unsere Balance verlieren? Wie – das ist Absicht? Du hast sie ja wohl nicht alle! Alle mal herhören – Gleichgewicht wieder herstellen!“. Es folgen jede Menge Korrekturen, um einen Sturz zu verhindern. Das gelingt, doch die Bewegung geht ja weiter, das rechte Bein wird immer noch nach vorne geführt, erneut droht ein Sturz. Also: nächste Meldung des propriozeptiven Systems, nächste Korrektur, nächste Anweisung zur Vorwärtsbewegung. Diese Prozesse laufen in der Realität aber nicht nacheinander, sondern gleichzeitig ab, bei jedem Schritt. Eine Herausforderung, die der kleine Organismus erst nach und nach meistert. Und diese Herausforderung heißt: Balancieren!
Gehen, Stehen, Rennen – alles Balanceakte. Ohne dauernde Korrekturen wird es nicht gelingen, das mechanische Gleichgewicht zu halten und alle auf den Körper einwirkenden Kräfte so auszugleichen, dass keine Beschleunigung erfahren wird. Dieses Prinzip lässt sich auf das Reiten übertragen und gilt auch dabei uneingeschränkt. Jeder Ritt, ein fortwährender Balanceakt. Zum Glück lässt sich auch das Balancieren auf und mit dem Pferd trainieren, denn: Muskulatur, Nerven, Gelenke, Sinnesorgane und Gehirn entwickeln mit der Zeit ein immer müheloseres Zusammenspiel. So wird nicht nur das Gehen, sondern auch das Reiten in all seinen Spielarten über das Bewegungsgedächtnis zur Routine – das Gleichgewicht kann in der Bewegung zu jeder Zeit erhalten bleiben.

Reiten als Balanceakt
Zum Glück sind die Bewegungen unseres Pferdes größtenteils rhythmisch und damit vorhersehbar. Trotzdem ist es nicht leicht, die verschiedenen Anteile von bewegt werden und sich selbst bewegen auseinander zu halten. Es ist nämlich nicht nur das Pferd…

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Text & Foto: Angelika Schmelzer