Reiten im Wandel der Jahre

Wenn Pferdemädchen älter werden

Die Pferdewelt wandelt sich und zahlreiche Frauen, die in den 70er, 80er und 90 Jahren „Pferdemädels“ waren, erreichen ein Alter, in dem sie Reiten nicht mehr als leicht und unbeschwert empfinden, sondern das Aufsteigen zur täglichen Herausforderung wird – häufig nicht nur körperlich, sondern auch mental. Folke Jaedicke, ihres Zeichens auf ältere Reiterinnen spezialisierter Emotionscoach, erläutert die Herausforderungen, die bei uns Reiterinnen mit dem Älterwerden einhergehen.

Lea zog die dicke Decke bis unters Kinn. Noch immer hing der Geruch des Stalls in ihren Haaren – eine Mischung aus Heu, Pferd und Winterluft. Es war ein bitterkalter Januartag gewesen. Die Finger waren taub, die Wangen von der Kälte gerötet. Trotzdem konnte Lea sich nicht vom Stall losreißen. Wenn die älteren Reiterinnen trainierten, stand sie am Zaun und verfolgte jede Bewegung mit glänzenden Augen. Ein eigenes Pferd – das war ihr Traum. Ihre Eltern lächelten, wenn sie davon sprach. „Eines Tages vielleicht“, vertrösteten sie sie. Doch sobald Lea die weichen Nüstern der Pferde spürte und ihr Schnauben hörte, war die Welt für sie wieder in Ordnung. Lea schloss die Augen. In Gedanken galoppierte sie über verschneite Felder – hinein in einen Traum, der sich so echt anfühlte als wäre er Wirklichkeit.

Drei Jahrzehnte später

Das ist jetzt 31 Jahre her. Seitdem ist viel passiert. Lea beendete die Schule, machte eine Ausbildung zur Bankkauffrau und kaufte sich von ihrem ersten eigenen Geld endlich ein Pferd – einen Wallach. Sie ritt ihn selbst ein. Allerdings war die erste Zeit turbulent. Mehr als einmal setzte er Lea in den Sand. Anstatt sich zu ärgern, lachte sie, klopfte den Staub von den Jeans und stieg wieder auf. Mit den Jahren wuchsen die beiden zusammen und wurden ein echtes Team.

Dann lernte Lea ihren Mann kennen. Sie heirateten, bekamen Kinder. Ihr vierbeiniger Freund war inzwischen alt geworden und durfte in seinen wohlverdienten Ruhestand gehen.

Mit Anfang 40 dachte Lea: „Ich bin doch noch jung. Fit genug für ein neues Pferd.“ Natürlich wusste sie, dass sie seit der Geburt der Kinder ein paar Kilos mehr und etwas weniger Beweglichkeit hatte. Aber das störte sie da noch nicht.

So zog ein dreijähriger Wallach ein. Lea war voller Vorfreude – bis sie merkte, dass sie sich vielleicht überschätzt hatte. Schon beim ersten Aufsitzen kam der Sturz. Kein schlimmer, aber einer, der nachhallte.

Zum ersten Mal spürte Lea, dass ihr Körper sich verändert hatte – und dass auch ihr Kopf nicht mehr so mitspielte wie früher. Sie begann, nach vermeintlich guten Gründen zu suchen, nicht zu reiten, und ertappte sich bei Gedanken, die sich zu kleinen Horrorszenarien auswuchsen – etwas, dass sie früher nicht kannte.

Im Laufe der Zeit hatte sich für Lea vieles verändert – nicht nur im Alltag, sondern auch im Sattel. Was einst selbstverständlich erschien, fühlt sich plötzlich nicht mehr so unbekümmert und unbeschwert an. Und sie ist damit nicht allein: Viele Reiterinnen kennen dieses Gefühl.

Wenn sich Mut und Leichtigkeit verändern

Der Mut, die Leichtigkeit und das Vertrauen in sich und den eigenen Körper – all das, was einst so natürlich da war, verändert sich mit den Jahren.

Zwischen Beruf, Familie und Verantwortung bleibt oft weniger Zeit für das, was früher der Mittelpunkt war: das Reiten. Irgendwann merkt man, dass sich die eigenen Prioritäten still verschoben haben.

Doch auch innerlich geschieht ein Wandel. Mit dem Muttersein wächst das Bedürfnis nach Harmonie und Sicherheit – für die Familie, das Pferd, aber auch für sich selbst. Was früher als Herausforderung reizte, erscheint heute manchmal als Risiko. Der Gedanke, zu stürzen oder sich zu verletzen, bekommt ein anderes Gewicht, wenn zu Hause Kinder warten.

Solche Veränderungen betreffen nicht nur unsere Gedanken und Gefühle – sie haben auch biologische Ursachen.

Hormone, Gefühle und innere Balance 

Unser inneres Gleichgewicht wird von hormonellen Prozessen beeinflusst. Wenn nach einer Schwangerschaft die Spiegel von Östrogen und Progesteron schwanken, spüren viele Frauen diesen natürlichen Umschwung deutlich: Ein Mangel an Östrogen kann zu Antriebslosigkeit, verminderter Stressresistenz oder einem Gefühl innerer Leere und Traurigkeit führen. Sinkt zusätzlich der Progesteronspiegel, wirkt sich das gemeinsam mit dem Östrogenmangel direkt auf die emotionale Stabilität aus – viele Frauen fühlen sich dann unruhiger, reizbarer oder ängstlicher als sonst.

Das Hormon Oxytocin – oft auch als „Hormon der Nähe und Liebe“ bezeichnet – fördert Vertrauen, Fürsorge und Verbundenheit, besonders in der Beziehung zwischen Mutter und Kind. Es stärkt soziale Bindungen und kann die Wahrnehmung für die Bedürfnisse anderer Lebewesen – auch von Tieren wie Pferden – nachhaltig schärfen.

Ab etwa Mitte 30 beginnt bei vielen Frauen die Perimenopause, die Übergangsphase vor den Wechseljahren. In dieser Zeit schwanken die Hormonspiegel, was sich auf Energie, Stimmung und Körperwahrnehmung auswirken kann. Manche bemerken, dass Bewegungen anstrengender werden oder das Vertrauen in die eigene Stärke nachlässt.

Hormonveränderungen – egal wodurch verursacht – beeinflussen auch das Erleben beim Reiten und damit unsere emotionale Haltung im Sattel.

Wenn wir verstehen, wie eng Körper und Gefühle miteinander verbunden sind, erkennen wir, dass wir beides bewusst unterstützen können – und so auch unsere Fähigkeit, Unbeschwertheit zu empfinden.

Damit stellt sich die Frage: Wie können wir Unbeschwertheit wiederfinden – oder vielleicht ganz neu entdecken?

Unbeschwertheit aktiv stärken

Unbeschwertheit im Sattel ist kein Zufall. Sie entsteht, wenn zwei unserer angeborenen emotionalen Grundmotive – die wir unbewusst ständig anstreben – erfüllt sind: Inspiration & Leichtigkeit sowie Durchsetzung & Einfluss. Beide sind eng mit den Emotionen Ehrfurcht und Stolz verknüpft – Inspiration & Leichtigkeit mit Ehrfurcht, Durchsetzung & Einfluss mit Stolz.

Wenn wir Ehrfurcht erleben – jene Momente, in denen wir innerlich „Wow“ sagen – wird unser Dopaminsystem aktiviert. Wir fühlen Neugier, Lebensfreude und vor allem Zuversicht.

Wenn wir Stolz empfinden, spüren wir Selbstwirksamkeit, innere Stärke und Mut. 

Diese Emotionen nähren unser Vertrauen – in das Leben ebenso wie in uns selbst. Je häufiger wir diese Gefühle aktivieren, desto stabiler wird unser emotionales Gleichgewicht – beim Reiten ebenso wie im Alltag.

Ehrfurcht entsteht, wenn wir unsere Umgebung bewusst wahrnehmen: den Sternenhimmel über uns, die unendliche Weite von einem Berggipfel aus oder den Sonnenaufgang bei einem frühmorgendlichen Ausritt. Solche Momente wirken unmittelbar auf unser Nervensystem und schenken uns Leichtigkeit, selbst wenn wir unsere Komfortzone verlassen.

Stolz wächst durch kleine, bewusste Erfolgserlebnisse. Er stärkt den Selbstwert und gibt uns Handlungsenergie – den Antrieb, uns weiterzuentwickeln. Um Stolz zu empfinden, braucht es keine Schleife auf einem Turnier. Es reicht, zu spüren: Heute habe ich meine Angst angenommen. Oder: Ich habe mich heute überwunden und fünf Minuten meine Bauchmuskeln trainiert.

Jeder Ehrfurchts- und Stolz-Moment stärkt unser Gefühl von Zuversicht, Leichtigkeit und Selbstwirksamkeit – die Grundlage für Unbeschwertheit. Auch wenn die emotionale Stärke den größten Anteil ausmacht, braucht Unbeschwertheit einen starken, beweglichen Körper, der Vertrauen fördert.

Wenn der Körper Sicherheit gibt

Angst kann durch hormonelle Veränderungen verstärkt und durch alte Erfahrungen oder unser Kopfkino ausgelöst werden – besonders dann, wenn das Vertrauen in den eigenen Körper nachlässt. Doch hier können wir ansetzen: indem wir unseren Körper gezielt stärken und unterstützen.

Regelmäßige Bewegung, Gleichgewichtsübungen, Krafttraining und ein ausgewogenes Gewicht verbessern nicht nur Haltung und Sitz, sondern geben Sicherheit im Sattel. Wer sich körperlich stabil fühlt, reagiert gelassener – auch in unerwarteten Momenten.

Fit zu sein bedeutet nicht, einem Ideal zu entsprechen, sondern sich so zu bewegen – im Sattel wie im Leben –, dass sich der Geist wieder sicher fühlen darf. Wenn du deinem Körper vertraust, kehrt auch ein Stück Unbeschwertheit zurück.

Und dennoch: Selbst mit guter Fitness und einem Körper, der sich leicht anfühlt, bleibt manchmal ein leises Gefühl zurück – die Angst.

Angst in innere Stärke verwandeln

Angst ist kein Gegner, den es zu bekämpfen gilt. Sie ist ein Signal, ein Hinweis darauf, dass unsere Emotionen nicht im Gleichgewicht sind.

Wer versteht, dass Emotionen reguliert werden können, entdeckt die Möglichkeit, die eigene innere Balance selbst zu gestalten. Stolz und Ehrfurcht sind dabei die Gegengewichte zu Angst, Unsicherheit und schwindendem Selbstvertrauen – und sie lassen sich wieder aktivieren.

Mit wachsendem Vertrauen in sich selbst und in das Leben kann Angst sich auflösen und Unbeschwertheit kehrt zurück.

Die Rückkehr der Unbeschwertheit

Reiten verändert sich – so wie wir uns verändern. Doch das bedeutet nicht, dass wir die frühere Leichtigkeit verlieren müssen. Wir können sie neu erschaffen.

Wenn wir unsere emotionale und körperliche Stärke gezielt aufbauen, gewinnen wir Schritt für Schritt Mut, Zuversicht und Vertrauen – auch in den Wandel, den das Älterwerden mit sich bringt.

Und vielleicht, wenn Lea eines Morgens wieder am Zaun steht, den Atem ihres Jungpferdes sieht und die Sonne über der verschneiten Weide aufgeht, spürt sie genau das: jenes warme, kraftvolle Gefühl, das sie schon als Kind kannte, den Moment, in dem sie nichts aufhalten kann, in dem sie voller Zuversicht in sich und das Leben auf ihr Pferd steigt – und wieder alles möglich scheint. 

Text: Folke Jaedicke

Zum Weiterlesen

Folke Jaedicke:  Reiten mit 50 wie mit 15

„Wie Du unbeschwert reitest – Dein Leben lang“ – mit diesem verheißungsvollen Versprechen ist das neu erschienene Buch unserer Autorin Folke Jaedicke vor Kurzem erschienen und hat damit einen Nerv getroffen. Zahlreiche Pferdemädels aus den 70er, 80ern und 90ern fühlen sich sicherlich angesprochen: Nichts ist mehr wie früher – bis auf die tiefe Liebe zum Pferd und den Wunsch, so lange wie möglich in den Sattel zu steigen.

„Reiten mit 50 wie mit 15“ ist ein Ratgeber, wie dies trotz Alterungsprozess und hormoneller Umstellung sowie den damit verbundenen Herausforderungen umgesetzt werden kann. Auf wissenschaftlicher Basis mit zahlreichen Praxisbeispielen und PDFs, die zum Download bereitstehen, informiert das Buch wirklich breit über die Veränderungen im weiblichen Körper und beleuchtet die Zusammenhänge zwischen Hormonen, Fitness, Körpergewicht, mentaler Gesundheit und vielem mehr. 

Der Praxisratgeber von Folke Jaedicke ist eine wirklich empfehlenswerte Lektüre für alle Reiterinnen – nicht erst, wenn die Probleme schon da sind, sondern bevor sie anfangen. Ob präventiv oder bei bereits bestehenden Schwierigkeiten bei der Bewältigung des Reitalltags, das Buch erklärt plausibel, unterstützt mit Praxistipps und macht Mut für ein langes Leben im Sattel und mit den Pferden.

Reiten mit 50 wie mit 15 von Folke Jaedicke, ISBN 9783982719009, ist für 24,90 Euro im Handel erhältlich.